FAZ Begegnungen
Der Klavierlehrer
Sollte ein Familienvater, der die Fünfzig überschritten hat, wirklich noch anfangen, Noten zu lernen und Klavier zu spielen?
Für Andreas Benke, selbständiger Musiklehrer und musikalischer Projektleiter aus Frankfurt, ist das keine Frage. Die Seniorenausbildung an Musikinstrumenten — ob mit oder ohne Vorkenntnisse — sieht er als einen Wachstumsmarkt par excellence an.
In der Nachkriegszeit sah das anders aus, Musizieren galt als elitär. Diese Tendenz hat sich in den vergangenen Jahren geradezu umgekehrt. Die Öffentlichkeit nimmt davon jedoch meist erst Kenntnis, wenn sie mit künstlerischen Darbietungen in Berührung kommt und sieht, wer alles an Tasten- und Blasinstrumente, Schlagzeuge und Keyboards strebt, vom vierjährigen Mädchen, Benkes jüngster Schülerin am Klavier, bis zum Achtzigjährigen, der sich nach Jahren wieder ein Piano zulegt. Das Bild des brotlosen Künstlers stimme nicht, wenn ein pädagogisches oder kaufmännisches Engagement hinzukomme, sagt der Siebenunddreißigjährige. In der Seniorenaus- und -weiterbildung müsse der Lehrer allerdings auch bereit sein, zum Schüler zu kommen und in die traditionelle Rolle des Hauslehrers zu schlüpfen.
Musikerziehung lockt Kinder von der Straße. Musikschulen, die sich gut organisieren und Sponsoren finden, treten sogar auf bekannten Musikvestivals auf. Benke, der sich aktiv für den Wettbewerb „Jugend musiziert” und das Landesjugendorchester Hessen engagiert, ist selbst als freiberuflicher Klavierlehrer für eine Musikschule „draußen auf dem Land” tätig, im hessischen Hünstetten am Taunus. Gerade außerhalb der Ballungszentren sei es wichtig, jungen Menschen Erfahrungen mit Musikinstrumenten zu ermöglichen und sie zu fördern.
Hier könnten aus seiner Sicht Stiftungen eine wichtige Ergänzungsfunktion zu den Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen. Es mangelt nicht am guten Willen, aber an rechtlichen Möglichkeiten, berichtet Benke. Das Stiftungsrecht werde vom staatlichen Konzessionszwang dermaßen eingeengt, daß es kaum Sinn habe, mit ortsansässigen Unternehmen darüber zu reden. Die Mittel der Stiftungen großer Konzerne stünden überwiegend für Stipendien an herausragende Schüler zur Verfügung. Für die erforderliche Grundausbildung am Instrument fehle dann die private Hilfe.
Zwar gebe es eine große Bereitschaft privater Sponsoren. Für sie stünden verständlicherweise die künstlerischen Darbietungen als Objekt ihrer Zuwendung im Vordergrund, nicht aber die Hilfe für das wöchentliche Training mit Flöte, Klavier, Streichinstrument, Schlagzeug oder Keyboard. Oft sind es gerade die sozial nicht so gut gestellten Familien mit mehreren Kindern, denen der Weg in die Musikwelt erleichtert werden müsse. Bei monatlichen Gebühren von 70 bis 170 DM in den privaten Musikschulen aber sei vielen Familien der Weg in die musikalische Ausbildung versperrt.
Der Dozent für Fagott, Klavier und Keyboard sieht deshalb große Möglichkeiten zur musikalischen Schulung in staatlichen Modellversuchen, die sich in einigen Bundesländern bewährt haben. Mehrere Kultusminister haben aus der Not ihrer Haushalte eine Tugend gemacht und erforderliche Einsparungen dazu genutzt, den vernachlässigten Musikunterricht durch privates Engagement zu beleben. Der punktuelle Einsatz von Privatlehrern ist für die Länder günstiger als die beamtete Musikerziehung. Allerdings muß der Schüler für den freiwilligen Musikunterricht in den fortgeschrittenen Schuljahren — üblicherweise zwei Mal in der Woche — einen Monatsbeitrag von 10 bis 20 DM aus eigener Tasche beisteuern; auch wird das Ausbildungsniveau in den Schulen zwangsläufig unterschiedlich sein, räumt der Klavierlehrer ein.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
14. September 1998, Nr. 213 / Seite 31